Leseprobe "Von Kröten und Kellerasseln"

Leseprobe

Verena Rabe

Von Kröten und Kellerasseln

 

...Wir schafften Vögel an. Als sie nach sechs Jahren starben, war mein Sohn untröstlich, hat sie betrauert wie ein altes Klageweib. Wir begruben sie im Garten, bastelten ein Kreuz, sprachen das Vaterunser für Topsie und für Thomas. Jo tröstete sich schließlich damit, dass die Tiere wieder in den Kreislauf des Lebens zurückkehrten und dass das normal und wichtig sei. Er ist nämlich nicht nur ein Tierliebhaber, sondern auch ein Philosoph. Als unsere Schildkröte Sippy, eine besonders schöne, aber leider sehr exotische, schwer zu haltende Schildkröte – sie musste sogar fotografiert und beim Amt registriert werden – starb, war ich sehr froh, dass ich Sippy fand und sie ordentlich aufbahren konnte, bevor mein Sohn nach Hause kam. Auch hier war es ein Beklagen und Beweinen und meine Tochter war nach kurzer Zeit der Meinung, dass es vielleicht doch besser wäre, wenn es Jungs verboten werden würde zu weinen.

Wenn sie geahnt hätte, was nach dem Verlust der Schildkröte passieren würde, hätte sie mich bestimmt so lange bearbeitet, bis wir eine neue gekauft hätten. Wobei wir nicht sicher sind, ob das wirklich was genützt hätte.

Ein halbes Jahr später wachte Stina nachts auf unserem Segelboot in ihrer Koje auf und blickte in die ruhigen, weisen Augen einer fetten Kröte, die es sich auf ihrem Kopfkissen gemütlich gemacht hatte. Stina wollte schreien, hatte aber Angst, dass ihr die Kröte vielleicht dann vor Schreck ins Gesicht spränge. Sie wollte die Kröte auf keinen Fall anfassen, ihr blieb nichts Anderes übrig, als das Feld zu räumen und der Kröte ihre Koje zu überlassen. Sie setzte sich neben das Terrarium an Deck, das Jo für seine Kröte gebaut hatte und aus dem sie ausgebrochen war, und hoffte, dass die Kröte sich von allein aus ihrer Koje trollte. Anton, so hieß die Kröte, war schon tagelang Gast an Bord, nachdem Jo ihn im kleinen Elbhafen Haseldorf gefangen hatte. Nach einer Stunde guckte Stina in ihrer Koje nach. Die Kröte war verschwunden. Aber leider so gründlich, dass sie am nächsten Tag nicht wieder auftauchte. Stina musste schwören, dass sie ihr nichts zuleide getan hatte. Jo war untröstlich und Stina hoffte nach einer Weile inständig darauf, dass die Kröte wieder auftaucht, meinetwegen auch auf ihrem Kopfkissen, nur damit das Beklagen von Antons kurzem Leben aufhörte.

Wir konnten unseren Sohn dann damit trösten, dass wir am nächsten Tag einen Hafen ansteuern würden, im dem es mit Sicherheit neue Kröten zu fangen gäbe. Oder zumindest Frösche. Jo ist ein fantastischer Froschfänger. Wir segelten also mit zehn Fröschen an Bord die Elbe hinunter und machten uns ernsthaft darüber Gedanken, ob Frösche eigentlich seekrank werden können.

Zwar halfen die Frösche über den Verlust der Kröte hinweg, aber sie wurde in regelmäßigen Abständen doch wieder beklagt. Mein Mann wollte schon eines Abends losziehen, um eine Ersatzkröte zu jagen, da tauchte Anton unvermittelt an Deck wieder auf, erblickte unseren Sohn, sprang freudig – so erschien es uns zumindest - auf ihn zu und ließ sich von ihm streicheln. Das ist jetzt keine Erfindung der Autorin. Anton ließ sich tatsächlich streicheln und schien erleichtert zu sein, wieder in Jos Obhut zu gelangen. Ich bin mir sicher, dass unser Sohn auch von der Kröte erfuhr, wo sie die vergangenen Tage verbracht hatte.