Leseprobe "Elsas Weihnacht"

Leseprobe

Verena Rabe

Elsas Weihnacht

 

Die anderen in Schlachtensee bereiten sich jetzt auf die Feier vor, dachte Elsa, als sie in Richtung See ging. Die meisten Fenster waren erleuchtet, aber sie wollte nicht hineinschauen wie früher, wenn sie mit ihren Kindern hier spazieren gegangen war. Die anderen putzen ihre Wohnungen, stellen den Baum auf und hängen Lametta daran. Meyers von nebenan streiten sich bestimmt gerade wieder über die Verwandtschaft, die gleich anrücken wird und darüber, dass Frau Meyer zuviel Geld für die Geschenke ausgegeben hat. Ihre Kinder piesacken sich aus Langeweile und ärgern sich darüber, dass sie erst in die Kirche müssen und dann unter den Weihnachtsbaum dürfen. In drei Stunden haben die Meyers und ihre Mischpoke wieder soviel Punsch getrunken, dass sie nicht bemerken werden, wie die Kinder entwischen, um sich mit ihren Freunden an der Straßenecke zu treffen und sich darüber auszutauschen, welche Geschenke sie bekommen haben, dachte Elsa.

Sie wünschte sich sehr, jetzt auch mit ihren Kindern streiten zu können. Etwa darüber, dass Peter wieder Leckereien aus der silbernen Dose stibitzt hatte, die sie normalerweise in der Zeit vor Weihnachten regelmäßig mit Plätzchen befüllte. Nur dieses Jahr war sie leer geblieben. Elsa hatte nicht backen können. Einmal hatte sie es versucht, aber sie hatte die ganze Zeit geweint und deshalb den Teig, der ihr ohnehin fast missraten war, in den Ascheimer geworfen. Wie gerne hätte sie heute Morgen beim Kämmen von Luises Haaren ihr leises Schimpfen gehört, weil es zu sehr ziepte. Und wie gern hätte Elsa ihre Kinder nach den kleinen Streitigkeiten in die Arme geschlossen und geherzt, bis sie wieder lachten. Als ihre Kinder klein waren, gingen auch sie am 24. Dezember nachmittags in die evangelische Kirche um die Ecke. Sie durften zwar nicht beim Krippenspiel mitmachen, aber das störte ihre Kinder nicht. Die beiden liebten den reich geschmückten Tannenbaum, der rechts vorn im Altarraum aufgebaut war, und die Weihnachtslieder. Sie wollten sie auch auswendig können wie ihre Spielkameraden in der Straße. So lernte Elsa ein paar mit ihnen auswendig. Auch Weihnachten sang sie mit ihnen in der Kirche Oh du fröhliche und Ihr Kinderlein kommet. Bei Ich steh an Deiner Krippen hier kamen ihr regelmäßig die Tränen. Ihr gefiel der Text: „Ich komme, bring und schenke Dir, was Du mir einst gegeben. Nimm hin es ist mein Geist und Sinn. Herz, Seel und Mut nimm alles hin. Und laß dir´s wohlgefallen.“ Dabei gedachte sie jedoch nicht der Geburt Jesu, sondern der ihrer eigenen Kinder. Sie glaubte nicht an Jesus und gruselte sich ein wenig, wenn sie ihn irgendwo am Kreuz hängen sah. Was für eine eigenartige Religion, die einen Menschen verehrt, der ans Kreuz genagelt wird und als Märtyrer zur Vergebung der Sünden aller stirbt?, überlegte sie. Der zu unserem Volk gehörte, aber von den Christen so vereinnahmt worden ist, dass das niemanden mehr interessierte? Und warum erhoben die Christen den Anspruch darauf, als Einzige eine den Nächsten liebende Religion zu haben? Was Jesus gepredigt hatte, war für Elsa nichts Neues. Früher – in einer anderen Zeit - hatte sie mit ihren evangelischen Freundinnen diskutiert, dass sich Juden und Christen auf dieselben Gebote beriefen. Aber sie stritt schon lange nicht mehr darüber und wenn sie jemand fragte, würde sie abstreiten, jemals so gedacht zu haben.

Sie war ja auch für Nächstenliebe. Nur bei „Liebe Deine Feinde“ musste sie schlucken. Das konnte sie nicht. Das wollte sie nicht. Sie wollte ja ein gerechter Mensch sein und bleiben, wie die jüdische Religion es verlangte - selbst in dieser schwierigen Zeit. Sie wollte versuchen, auch die Menschen zu akzeptieren, die im Laufe der vergangenen Jahre ihre Feinde geworden waren. Elsa hätte niemals vermutet, wie viele es in ihrem erst 35-jährigen Leben schon sein würden.