Leseprobe "Weihnachten und Paul"

Leseprobe

Verena Rabe

Weihnachten und Paul

 

Als Studentin hörte ich von dem polnischen Brauch, beim Weihnachtsessen ein zusätzliches Gedeck für einen überraschenden Gast aufzulegen. Ich fand die Sache großartig und nahm mir vor, auch so etwas einzuführen, wenn ich später eine eigene Familie hätte. Sicher dachte ich damals, dass ich das Gedeck am Ende des Weihnachtsabends immer unangetastet wieder einsammeln würde. Wann geschah es in Deutschland und speziell Hamburg schon, dass jemand zu Weihnachten unangemeldet vor der Tür stand?

Das erste Weihnachtsfest mit meinem Mann, mittlerweile 16 Jahre her, feierten wir zuerst in Zweisamkeit mit liebevoll ausgesuchten Geschenken, heißen Küssen unter einem Lametta geschmückten Baum und Zukunftsvorstellungen kommender Weihnachten mit eigenen Kindern. Es war kurz vor elf und die Glocken der sehr nahe gelegenen evangelischen Kirche läuteten so einladend und auffordernd, dass wir uns als gerade vor dem Altar getrautes Ehepaar verpflichtet sahen, ihrem Ruf zu folgen, obwohl wir in den Jahren davor getrennt voneinander eher selten ein Gotteshaus von innen gesehen hatten.

Wir machten uns also auf in die kalte Nacht und fanden uns in einer dunklen, wenig festlich geschmückten Kirche wieder, in der ein Pastor ausgesprochen unmotiviert die Weihnachtsgeschichte neu zu interpretieren versuchte, was mit dem Hunger in Afrika und den Straßenkindern in Timbuktu endete. Uns war das egal. Wir saßen Hand in Hand in der Bank und freuten uns schon auf den letzten Teil des Weihnachtsabends, der bestimmt ohne Weihnachtsoratorium, Baumgucken und ähnlich Besinnlichem, aber dafür mit viel Champagner verbunden sein würde.

Wir spielten schon mit dem Gedanken, uns vorzeitig aus der Kirche zu schleichen, als wir aus der Bankreihe hinter uns ein Schluchzen hörten. Ich drehte mich um und wollte ein aufmunterndes Lächeln ganz im Sinne der Nächstenliebe nach hinten schicken, da erkannte ich in der weinenden Frau Britta, die sehr langbeinige und dunkelhaarige gute alte Freundin meines Mannes. Bevor ich so tun konnte, als ob ich sie nicht erkannt hätte, entdeckte sie mein Mann. Die Predigt war gerade zu Ende, der Organist spielte gelangweilt ein Präludium von Bach und mein Mann winkte Britta zu uns herüber. Mittlerweile hatte sie aufgehört zu weinen, sah aber erbärmlich aus. Wir erfuhren, dass sie sich gerade von ihrem Freund getrennt hatte. Was geht mich das an, dachte ich zuerst. Ich habe meinen Mann gefunden und bin heilfroh, nicht wegen irgendwelcher komplizierten Liebesgeschichten traurig unterm Weihnachtsbaum zu sitzen. Ich wollte den Rest des Abends nichts anderes als mit meinem Liebsten im Bett verbringen.

Mein Mann sah mich unschlüssig an. Eigentlich war ich mir sicher, dass er genau dasselbe vorhatte wie ich, aber er wusste anscheinend jetzt nicht, wie er das Britta beibringen sollte und schwieg deshalb. Was sollte ich tun? Einerseits hoffte ich, dass wir uns so schnell wie möglich von ihr verabschiedeten, andererseits wollte ich mich dem zukünftigen Vater meiner noch nicht empfangenen Kinder als ein den Nächsten liebendes Weib präsentieren, selbst wenn sie langbeinig und dunkelhaarig war.

Wir standen vor der Kirche, Britta weinte wieder. Mein Mann hatte ihr mittler-weile väterlich den Arm um die Schultern gelegt und sah mich jetzt auffordernd an. Dummerweise hatte ich ihm von dem polnischen Brauch erzählt. Es gab keinen anderen Ausweg, als Britta zu fragen, ob sie noch mit zu uns kommen wolle. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie ablehnen würde, sie war doch vor vier Monaten auf unserer Hochzeit gewesen und musste wissen, dass wir ungestört sein wollten. Aber sie nickte schwach, wir nahmen sie in unsere Mitte und kehrten zu dritt in unsere Wohnung zurück.

Mein Mann sorgte für Getränke, ich für einen Mitternachtssnack, Britta weinte glücklicherweise nicht mehr. Nach dem Essen wird mein Mann sie bestimmt höflich hinauskomplimentieren, dachte ich, bis er sich mit einem Gähnen von uns verabschiedete und „Ich muss morgen früh arbeiten und ihr kommt doch auch gut ohne mich zurecht“, murmelte. Vielleicht hoffte er, dass Britta den Wink verstand und sich verabschiedete. Er gab mir noch einen Kuss auf den Mund, der mich sehr bedauern ließ, dass ich jetzt nicht allein mit ihm war und verzog sich in unserer Schlafzimmer.

Aber Britta machte keine Anstalten zu gehen. Sie blieb auf unserem schwar-zen Ledersofa sitzen und ich befasste mich bis drei Uhr morgens theoretisch mit den tragischen Spielarten der Liebe.